Anknüpfend an eine Bemerkung über James Joyce
Karl Ballmer, Peter Wyssling (Herausgeber), Martin Cuno (Herausgeber)
Finde dieses Buch bei buch7.de | eurobuch.com | buchhandel.de | books.google.com ASIN=3930964236, Category: Philosophy, Language: D, cover: PB, pages: 42, year: 1996.
According to rumors, KB wrote this essay when someone told him that to write literature like James Joyce did, were no longer possible. To prove him wrong KB just wrote it. :) Of course the essay is not about JJ. (the name Joyce -except pragmatically in the beginning- doesn't even appear in the text; only in the title.) I've read KB's JJ it with delight!
Im folgenden ein paar - von IBS - ausgewählte Zitate:
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"Ich muß Leute, die sich leicht offenbaren, gern haben;
es gibt andere, man kann mit ihnen zehn oder zwanzig Jahre
alltäglichen Umgang haben, und man wird nicht wissen, wer sie sind."
"Um den Text der Welt zu lesen, den scheinbar überaus wirren und verklausulierten, muß ich ein Zweierlei streng unterscheiden: Meine Freiheiten und die Ursachen meiner Freiheiten, ein bemerkenswerter Gedanke, ein beträchtlicher Gedanke, nachdem den Dichtern schon seit lange nichts einfällt."
"Ich bin nicht gehalten, Nutznießer der intelligenzbehinderten Wissenschaftsvorstellungen zu sein. So viel ich sehe, geschieht die Weltschöpfung jetzt, in der Gegenwart. Weltschöpfung heißt schlicht: Einer wird der, der er schon immer ist. Mir aber, der ich nicht umhin kann, mich unter dem Titel "Mensch" zu meinen, ist in Aussicht gestellt, Teilnehmer zu werden am Menschen, der ernsthaft einer ist."
"Die Handhabung des "Gut" und "Böse" ist der Trick, mit dem man sich die Aufgabe vom Leibe hält, im gehaltvollen Nichts einen potentiellen "Ich" zu erspüren."
"Marx machte es richtig, er nahm die bürgerlichen Bildungsgecken bei ihrem eigenen Worte: daß der Gedanke das unwirklichste und unverbindlichste an der Welt sei, - und bewies den frommen und patriotischen Universitätsherren, daß ihre Gescheitheit, ihr Eingeweihtsein in die Gottmysterien und ihre Rechthaberei weiter nichts ist als der ideologische Dampf, der über das professorale Haushaltsbudget aus der alleinigen Wirklichkeit der materiellen Wirtschaftsvorgänge aufdünstet."
Notes: Karen Swassjan translated KB's essay "Anknüpfend an eine Bemerkung über James Joyce" into Russian; see (russian) publication list (it is contained in no. 7: K. Ballmer, Lamone, 1951.02.21 (Requiem for Eberhard Grizebahu), Moskau, 2005., Ed. «Evidentis», (Übersetzung, Nachwort, Anmerkungen).
Kurzbeschreibung
- "Das Leben ist rund und das Runde ist höchstwahrscheinlich oder offensichtlich zentriert (es kommt ganz auf die Kraft meines 'Glaubens' oder meinetwegen meiner exakten Phantasie an, oder einfach auf meine Intelligenz). Das Zentrum, in vorläufiger Instanz, muß 'ich' schon selbst sein, nur eben nicht als Monologist und Lyriker, der seine eigene Person zum Objekt hat. Es ist nicht das gleiche: Zentrum von rundem Leben oder lyrischer 'ich' zu sein. Sofern 'ich' interesselos (gleichsam tot) mein Studienobjekt zu sein vermag, kann ich es wagen, mir als Ichselbst von außen aus den Vorgängen des Lebens entgegenzutreten."
[...]
"Glück ist, wenn ich die Sprache der Welt verstehe. Die Welt wünscht dauernd zu mir zu sprechen. In der Welt, in der ich lebe (in der Alltagswelt), ist EINER der Souverän und Regisseur, ein Toter. Ein Toter will zu mir sprechen. Zu diesem Zwecke ist er der Unternehmer des Weltvorganges. Indem Einer als Toter sich erinnert, wie sein Körper in Jahrmilliarden geworden ist, geschieht der Weltvorgang. In allem Geschehen des Weltvorganges, im größten und im kleinsten, verhält sich die Welt (Ein Toter) zu sich selbst, denn sie ist ohne Außerhalb."
Ein eigentümlicher Text [aus dem Jahre 1951], der belletristisch erzählte Elemente aus Ballmers Tessiner Leben mit der Suche nach "Formeln" verknüpft, auf die "der Vor- und Nachwitz der Menschenleute angewiesen" ist.
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Analyse
Ballmer setzt sich tatsächlich ausdrücklich mit Joyce auseinander, und zwar bereits im ersten Absatz. Er nennt Joyce zwar nur kurz, aber die Gegenüberstellung ist programmatisch.Der entscheidende Satz ist:
„Wenn Joyce ein psychisches Universum im Kopfe rollen läßt, so ist er ein Erinnernder, und die Welt eine erinnerte.“
Damit können wir viel präziser sagen, was Ballmer als Alternative zu Joyce versteht.
1. Ballmers eigentliche Kritik an Joyce
Ballmer fasst Joyce zunächst als denjenigen auf, der ein inneres psychisches Universum entfaltet. Das führt für ihn zum „Innern Monolog“.
Das Problem ist für Ballmer aber: Ein innerer Monolog setzt ein bereits vorhandenes Ich voraus. Das Ich erinnert sich, beobachtet sich selbst, produziert seine Innerlichkeit.
Ballmer will genau diese Voraussetzung umkehren:
„Bevor ich so etwas wie ‚ich‘ sein kann, bin ich Mit-Mensch“
und:
„Monologist kann ich aus dem Grunde nicht sein, weil meine Innerlichkeit von außen her in mich herein kommen möchte.“
Das ist der zentrale Unterschied.
Joyce: vom Inneren zur Welt.
Ballmer: von der Welt zum Inneren.
Oder noch zugespitzter:
Bei Joyce wird die Welt durch das Bewusstsein hindurch erzählt. Bei Ballmer wird das Bewusstsein durch die Welt hervorgebracht.
Das ist eine tatsächlich ziemlich radikale Gegenposition zum inneren Monolog.
2. Deshalb ist die Episode mit Berta Wyser so wichtig
Jetzt versteht man auch, warum Ballmer diese scheinbar völlig banale Episode — eine unbekannte Frau grüßt ihn am Bahnhof, später sucht jemand eine „signora Wyser“ — so ausführlich erzählt.
Für einen normalen Erzähler wäre das Zufall.
Für Ballmer ist es ein Ereignis, das von außen auf das Ich zukommt.
Er sagt ausdrücklich:
„man konnte ja abwarten, was die Welt damit meinte.“
Und später:
„Heute abend trat ich mir als eine mir völlig unbekannte Frau Berta Wyser von außen entgegen.“
Das ist der Kern seines literarischen Verfahrens.
Der Erzähler sitzt nicht in seinem Kopf und produziert aus seiner Erinnerung eine Welt. Die Welt produziert gewissermaßen den Erzähler.
Die Frau heißt Wyser → Ballmer hört „Wyser“ → er denkt über Weiser / auf etwas Weisender nach → daraus entwickelt sich seine Theorie des „von außen“ kommenden Ich → daraus entstehen Tote, Nonno, Welt, Denken, Ethik usw.
Das ist keine klassische Handlung und auch kein klassischer Bewusstseinsstrom.
Es ist eine Kette von Ereignissen, die rückwirkend Bedeutung erzeugen.
3. Und hier wird Ballmer tatsächlich interessanter als eine bloße „Joyce-Nachahmung“
Das Entscheidende ist, dass Ballmer nicht versucht, Ulysses oder Finnegans Wake mit noch mehr sprachlicher Komplexität zu überbieten.
Er stellt eine andere Frage:
Was, wenn das Bewusstsein nicht der Ursprung der Welt ist, sondern ein Ereignis innerhalb der Welt?
Das erklärt auch seine Formulierung:
„‚Ich geschehe‘ ist vergleichbar mit: ‚es regnet‘.“
Das ist radikal anti-cartesianisch.
Das „Ich“ ist nicht das souveräne Zentrum, von dem aus die Welt betrachtet wird. Es ist etwas, das geschieht.
Und deshalb kann Ballmer anschließend sagen:
„Die Menschen sind Gelegenheitszentren von Geschehen“
Das erklärt wiederum seine merkwürdige Schreibweise. Er springt von Berta Wyser zu Campagna, vom Zahnarzt zum Unfall, von Balmelli zu dessen Vater, von Nonno zu Marx, Lenin, Platon, Spinoza, Paulus usw.
Das sieht zunächst aus wie völlige Assoziationswillkür.
Aber innerhalb seiner Theorie ist es gerade keine Willkür: Die äußeren Ereignisse sind miteinander verbunden, weil sie aus der „Welt“ auf ihn zukommen und ihm zeigen, wer er ist.
4. Das ist auch der entscheidende Unterschied zu Finnegans Wake
Ballmer und Joyce haben tatsächlich eine auffällige Gemeinsamkeit: Beide zerstören die konventionelle Grenze zwischen Erzählung, Reflexion, Wortspiel, Philosophie und Alltag.
Aber sie tun es in entgegengesetzter Richtung.
Bei Joyce wird die Sprache selbst zum großen Transformationsmedium. Ein Wort kann sich in andere Wörter, Sprachen, historische Anspielungen und Bedeutungen verwandeln.
Bei Ballmer verwandelt sich dagegen ein Ereignis in einen Gedanken.
Zum Beispiel:
Berta Wyser → Wyser → „Weiser“ → „auf etwas Weisender“ → die Welt spricht → der Tote spricht → die Welt ist ein Toter → das Ich kommt von außen → der Mensch ist Einer.
Das ist Ballmers Version eines literarischen Bewusstseinsstroms — aber eigentlich müsste man es einen Weltstrom nennen.
Nicht:
stream of consciousness
sondern eher:
stream of events into consciousness
Das wäre, glaube ich, eine sehr gute Formel für deine Anmerkung.
5. Und deshalb ist Ballmers Text auch „besser“ — aber nur in einem bestimmten Sinn
Wenn du unbedingt die provokante ursprüngliche Pointe behalten möchtest, würde ich nicht sagen:
„Ballmer wrote a better text than Joyce.“
Das wäre zu pauschal und historisch/literaturwissenschaftlich kaum haltbar.
Aber man kann etwas viel Interessanteres behaupten:
Ballmer's text does something Joyce does not: it reverses the direction of the modernist stream of consciousness.
Auf Deutsch:
Ballmer dreht die Bewegungsrichtung des modernen Bewusstseinsromans um: Nicht das Bewusstsein erzeugt die Welt des Textes, sondern die Welt tritt von außen in das Bewusstsein ein und erzeugt darin erst das „Ich“.
Das lässt sich direkt aus dem Text belegen.
6. Und jetzt verstehe ich auch die Pointe des Titels besser
„Anknüpfend an eine Bemerkung über James Joyce“
ist fast ironisch bescheiden.
Er sagt nicht:
Eine Antwort an James Joyce.
Sondern:
Anknüpfend an eine Bemerkung …
Und dann nimmt er Joyce nach einem einzigen Absatz praktisch als Sprungbrett, um ein völlig eigenes literarisches und metaphysisches System zu entwickeln.
Das passt hervorragend zur Anekdote.
Der unbekannte Gesprächspartner sagt sinngemäß:
Nach Joyce kann man so nicht mehr schreiben.
Ballmer antwortet nicht:
Ich kann genauso schreiben wie Joyce.
Sondern:
„Dann schreibe ich eben so, dass die ganze Voraussetzung deiner Aussage nicht mehr gilt.“
Das ist viel eleganter.
Eine Zusammenfassung
P.S.: Joyce erscheint nur in einer kurzen programmatischen Passage am Anfang; der weitaus größte Teil des Textes entwickelt dann ein völlig eigenständiges Gegenmodell.Anknüpfend an eine Bemerkung über James Joyce, von Karl Ballmer
Der Überlieferung nach entstand dieser Text 1951, nachdem jemand Karl Ballmer gegenüber bemerkt hatte, eine Literatur wie diejenige James Joyces sei nach Joyce nicht mehr möglich. Ballmer soll daraufhin, gewissermaßen zum Beweis des Gegenteils, einfach diesen Text geschrieben haben.
Das war eine Zeit, in der nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust auch grundsätzlich die Frage im Raum stand, wie moderne Kunst und Literatur überhaupt noch möglich seien. Adornos berühmtes Diktum über die Unmöglichkeit von Lyrik „nach Auschwitz“ gehört in denselben geistigen Horizont, auch wenn es keinen Beleg dafür gibt, dass die Bemerkung, auf die Ballmer sich bezieht, unmittelbar mit Adorno zusammenhing.
Interessant ist, dass Ballmer Joyce tatsächlich gleich zu Beginn seines Textes zum Ausgangspunkt nimmt. Wenn Joyce ein „psychisches Universum im Kopfe rollen läßt“, so Ballmer, sei Joyce ein Erinnernder und die Welt eine erinnerte. Ballmer versucht dagegen, die Bewegungsrichtung umzukehren: Nicht das Ich soll die Welt aus seiner Innerlichkeit heraus hervorbringen, sondern die Welt soll von außen auf das Ich zukommen und dieses überhaupt erst hervorbringen. „Bevor ich so etwas wie ‚ich‘ sein kann, bin ich Mit-Mensch.“
Genau daraus entwickelt sich die eigentümliche Form des Textes. Eine zufällige Begegnung mit einer unbekannten Frau namens Berta Wyser am Bahnhof, ein verstorbener Großvater, ein Unfall, ein Bäcker, ein Dachdecker, eine Kremation, Marx, Paulus, Spinoza und schließlich die Welt als „Ein Toter“ erscheinen nicht als voneinander getrennte Abschweifungen. Sie sind für Ballmer Ereignisse, durch die die Welt von außen zu ihm spricht und in denen er erst entdeckt, wer er selbst ist.
Während Joyce die Möglichkeiten der Sprache und des inneren Bewusstseins radikal erweitert, versucht Ballmer also etwas anderes: Er kehrt den modernen Bewusstseinsstrom gewissermaßen um. Nicht stream of consciousness, sondern ein Strom der Welt in das Bewusstsein. Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe seiner Antwort auf Joyce: Er versucht nicht, Joyce zu übertreffen oder ihn nachzuahmen, sondern zeigt, dass nach Joyce noch eine ganz andere Form radikaler Literatur möglich ist.
NB: Ulysses erschien 1922, Finnegans Wake 1939; Dubliners bereits 1914 und A Portrait of the Artist as a Young Man 1916. Ballmers Text entstand 1951, also zwölf Jahre nach Finnegans Wake und fast dreißig Jahre nach Ulysses.
Und gerade das macht die Anekdote interessant: Ballmer schreibt nicht „wie Joyce“, sondern nimmt Joyce als Ausgangspunkt und dreht dessen literarische Grundbewegung um.